Gegenwärtig: Manifest für die Wiedergeburt antiker humaner Werte
Kriege, verfallende Kulturen, Zerstörung der Welt durch Ausbeutung von Ressourcen und Menschen. Die alte Welt scheint unterzugehen, eine neue noch nicht zu entstehen. Wo bist du, großer Geist der Antike? Was ist aus dir geworden? Wiege der Demokratie, erstes Aufkeimen der Frauenrechte – wo ist all diese Herrlichkeit geblieben? Ersetzt durch autoritäre Systeme, Korruption und Oligarchentum?
Hellas, du großes Vorbild, was ist aus deinem strahlenden Geist geworden? Nun bist du selbst Protagonist der aristotelischen Tragödie. Ist denn die Zeit des Untergangs der Helden schon gekommen? Der Fährmann rüstet sich bereits zur Fahrt in die Unterwelt. Odysseus erwacht und beginnt seine Irrfahrt von Neuem. Wird er sich diesmal den Sirenen hingeben, sie benutzen als Werkzeug seiner Trauer über das Hinsiechen der antiken Welt und ihrer Errungenschaften? Ich weiß es nicht, doch es scheint wahrscheinlich.
Der Abgesang hat begonnen, ein Abgesang des Humanismus, dem das griechische Erbe als Nährboden diente. Unser Ideal sei der allumfassend gebildete Mensch, ein Mensch, der sich mit Kunst, Philosophie, Kultur, Politik auseinandersetzt, der aus der Antike lernt, wie menschliches Zusammenleben funktioniert. Ein Homo sapiens, der über Hass, Gier, Unterdrückung und Diskriminierung steht. Ein Homo sapiens, der weiß, was dem Menschen förderlich ist, was ihn entwickelt, andererseits zugrunde richtet. Ein Homo sapiens, der Katharsis und Zügelung der eigenen Impulse beherrscht zugunsten des Gemeinwesens.
Was ist aus Diotimas Bestreben geworden, die mit Sokrates einen einzigartigen Diskurs führte, um klare und tragfähige Antworten auf existenzielle Fragen zu finden?
Ihre Gespräche zeichnen ein eindrucksvolles Stimmungsbild, gleichsam wie ein Fenster in die Lebenswelt der Menschen der Antike, vom Sehnen dieser Menschen nach Klarheit und Transparenz für ihre Lebensgestaltung mit bleibenden Werten, auf die man sich stützen konnte. [1]
Was wurde aus den Lehren der antiken Rhetoriker, die ihre Kunst der Diplomatie unter Beweis stellten, die Kunst der Argumentation beherrschten, um zu überzeugen, zu einer Handlung zu bewegen, aber nicht zu manipulieren?
Sogar der antike Geist wendet sich ab von unserer ach so modernen Zeit, die nur Sieger und Verlierer kennt, die mit Worten vernichtet, abwertet, in Grund und Boden stampft, bis nur mehr ein Staubkorn Nichts übrigbleibt. Wir führen Machtkriege, säen Zerstörung und Vernichtung aus Eigennutz. Egoismus als Kehrseite des Individualismus zerstört Zusammengehörigkeitsgefühl und Gemeinschaftssinn. Das knallharte Ich zerstört das keimende Wir, das schon seit langem im Todeskampf sich windet. Der Fährmann rüstet sich, um es hinüberzubringen über den Fluss des Vergessens.
Lasset uns daher aufstehen und die Helden feiern, die bereit sind, die Wiedergeburt antiker humaner Werte voranzutreiben.
Lasset uns Palmzweige pflücken, um sie gebührend zu feiern.
Lasset uns mithelfen, den Untergang des gebildeten Gemeinschaftsmenschen zu verhindern.
[1] Haarmann, Harald (2020). Platons Musen. Philosophie im Licht weiblicher Intellektualität. Hildesheim & New York: Olms. S. 195ff.